Im Parlament

Antrag: „Landeskonzept Dekolonisierung“ zur kritischen Auseinandersetzung mit Berlins postkolonialer Gegenwart

 In der Plenarsitzung am 09.06. wurde unser Antrag zur Forderung eines gesamtstädtischen Konzepts zur Dekolonialisierung eingebracht. Meine Stellungnahme zu dem Antrag:

Unweit vom Berliner Abgeordnetenhaus, im Deutschen Bundestag, wurde dieser Tage über die Anerkennung eines Völkermords an den Armeniern im osmanischen Reich diskutiert. Dabei wurde häufig auch von einem anderen Völkermord gesprochen: Vom ersten im 20. Jahrhundert, dem Völkermord der Deutschen an den Ovaherero und Nama im heutigen Namibia. Dies war ein grausamer Grundstein für weitere Verbrechen gegen die Menschheit, die im vergangenen Jahrhundert von Deutschland ausgingen. Die Hauptstadt des deutschen Kolonialreichs, in der Deutschlands koloniale Verbrechen ihren Anfang nahmen und geplant wurden, war Berlin, die Stadt, in der sich bis heute mehr Gedenksteine und Straßennamen zur Ehrung von Kolonialisten finden als für diejenigen, die Widerstand leisteten und Opfer des Kolonialrassismus wurden. Nicht mit der Vergangenheit allein müssen wir uns auseinandersetzen, sondern mit ihrer Bedeutung für die Gegenwart für das Zusammenleben in der Migrationsgesellschaft und in der globalisierten Welt. Berlin als direkt am Sklavenhandel beteiligte Stadt, als Tagungsort der infamen Berliner Afrika-Konferenz und als Hauptstadt des deutschen Kolonialreichs spielte für den europäischen Kolonialismus eine zentrale Rolle. Die Vergangenheit ist nie einfach spurlos vorbei und ich wünsche mir eine Hauptstadt Berlin, die das anerkennt und einen respektvollen und angemessenen Umgang mit ihrer Geschichte findet, gerade auch mit den dunklen Seiten. Auch über einhundert Jahre später gibt es kein Denkmal für die Opfer des Völkermords an den Ovaherero und Nama in Berlin. Auf dem Friedhof am Columbiadamm erinnert ein riesiger Feldstein an das Ereignis. Nur werden hier die Täter geehrt. Erst 2009 - nach jahrelangem Druck der Zivilgesellschaft - wurde auch ein Gedenkstein für die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia gelegt. Der Stein ist nicht nur kleiner, nicht mal zu der Bezeichnung „Völkermord“ konnte man sich durchringen. Für die Nachfahren der Opfer ist das der blanke Hohn. Auch in Berliner Schulen wird der Kolonialrassismus nicht genug aufgearbeitet. Und auch die Museen stehen in der Pflicht, denn noch immer lagern bis zu 8000 Gebeine von Kolonisierten in Berliner Forschungsinstitutionen. Die Herkunft der meisten ist noch immer nicht geklärt. Es ist dringend an der Zeit eine systematische, effektive und transparente Provenienzforschung in den Berliner Museen und Sammlungen zu organisieren und diese auf die Erforschung der Besitzverhältnisse, Entschädigungs- und Rückgabeansprüche von Exponaten, die in der Kolonialzeit nach Berlin gelangt sind, auszuweiten. Der intensive Dialog mit den Herkunftsgesellschaften über den weiteren Umgang mit den menschlichen Gebeinen und heiligen Kulturobjekten soll aktiv gesucht und gefördert werden. Wir haben nämlich gleichzeitig eine Vielzahl von wichtigen migrantisch-diasporischen Initiativen in Berlin. Wir können auf eine aktive und gut vernetzte Zivilgesellschaft bauen - Vereine und Initiativen, die sich einmischen, die sich mit der kolonialen Geschichte Berlins beschäftigen. Auch in den Bezirken gibt es Initiativen. Ich möchte an dieser Stelle nur kurz das beispielgebende Projekt „Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel“ nennen. Die Bezirksverordnetenversammlung im Bezirk Mitte hatte 2011 einstimmig beschlossen, aus dem Afrikanischen Viertel einen Lern- und Erinnerungsort über die Geschichte des deutschen Kolonialismus zu machen. Dieses Projekt wurde unter Einbeziehung von Anwohnerinnen und Anwohnern, Schülerinnen und Schülern, Jugendlichen und verschiedenen Akteuren der Zivilgesellschaft gestaltet. So begrüßenswert diese Projekte sind: Es fehlt an einem gebündeltem, gesamtstädtischen Konzept, mit dem auch international verdeutlicht werden kann, dass sich Berlin seiner Rolle in der Geschichte des Sklavenhandels und des Kolonialismus bewusst ist. Bei der Erarbeitung eines Berliner Erinnerungskonzeptes können wir auf das Wissen der Initiativen und auf erfolgreiche Projekte wie das eben genannte setzen. Hamburg ist als erste Stadt Deutschlands mit einem umfassenden Konzept bereits gestartet – mit breiter Unterstützung aus der Hamburger Bürgerschaft. Und was Hamburg kann, das muss doch auch in Berlin möglich sein. Unsere Initiative zur Erarbeitung eines Erinnerungskonzeptes wird nur gemeinsam gelingen. Das gilt sowohl für die Einbeziehung aller Akteure, aber auch für das Abgeordnetenhaus. Meine Bitte zum Schluss: nehmen sie dieses Anliegen mit in die nächste Wahlperiode. Berlin sollte sich ein Beispiel an Hamburg nehmen und gemeinsam ein stadtweites Konzept entwickeln und umsetzen. Das ist unsere Verantwortung, denn nur eine Stadt, die sich ihrer Vergangenheit stellt, kann ihre Zukunft gestalten.

Der Antrag ist unten auf dieser Seite zum Download zu finden.



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