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Völkisch in der Mitte

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Mein Artikel zum Thor-Steinar-Laden im berlinerjugendforum.de:

Seit Februar 2008 befindet sich in der Rosa-Luxemburg-Straße in Berlin-Mitte ein Kleidungsgeschäft namens „Tønsberg“. Es handelt sich um eine Boutique von Rechten für Rechte. Die Zivilgesellschaft muss den längeren Atem haben!

Am 22. Februar wurde es laut in der Rosa-Luxemburg-Straße. Eine 400 Menschen starke Demo zog lautstark durch Berlins Mitte. Der Grund: In der Rosa-Luxemburg-Straße 18 eröffnete am 1. Februar ein Kleidungsgeschäft mit dem Namen „Tønsberg“. Schon damals wurde die Eröffnungsfeier von einer spontanen Protestkundgebung von ungefähr 60 Leuten begleitet. Bereits nach einem Monat haben auch in sechs Nächten Farbbeutel die Fassade getroffen. Warum eigentlich?

Das nach einer norwegischen Stadt benannte Geschäft verkauft ausschließlich Kleidung der Marke „Thor Steinar“. Diese wurde 2002 von Axel Kopelke registriert. Seit 2003 wird sie unter der MediaTex GmbH geführt. Die Kleidung ist modern geschnitten und qualitativ hochwertig – und beladen mit völkischer Symbolik. Sie unterscheidet sich damit von Marken wie „Lonsdale“ oder „Fred Perry“, da sie sich nicht von der rechten Szene angeeignet wurde, sondern bereits mit rechtem Hintergrund gegründet wurde.

 

  • „Thor“ bezieht sich auf den germanischen Donnergott, „Steinar“ auf den SS General Felix Steiner

  • das alte, teilweise als NS-Propaganda unter anderem. auch in Berlin verbotene Firmenlogo besteht aus Runen mit denen sich die SS und die SA gerne schmückten. Sie sind so zusammengesetzt, dass der optische Eindruck der Doppelsigrune – besser bekannt als Zeichen der SS – entsteht

 

Bereits 2005 schloss die Städtische Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) einen Mietvertrag über ein Ladengeschäft im Einkaufszentrum „Berlin Carré“ am Alexanderplatz mit der Firma MediaTex GmbH ab. Das dortige Ladengeschäft, ebenfalls mit Namen „Tønsberg“, bestand bis zum Sommer letzten Jahres, ohne dass es zu öffentlichen Protesten kam. Nachdem Wolfgang Wieland und ich Anfang Juni 2007 einen deutlichen Brief an die WBM geschrieben hatten, auf den wir bis heute keine schriftliche Antwort erhielten, ging die WBM selbst in die Offensive und kündigte das Mietverhältnis zum 31.1.2008.

Ende Januar erfuhr ich, dass der MediaTex GmbH der nahtlose Übergang gelingen würde, in dem sie, einige hundert Meter weiter in der Rosa-Luxemburg-Straße 18, ein Ladengeschäft anmieten. So kam es dann auch. Die Provokationen im Zusammenhang mit diesem Geschehen sind vielfältig und offensichtlich. Ein rechter Laden im Scheunenviertel, wo bis zum Jahr 1933 viele jüdische Mitmenschen lebten, die unter der nationalsozialistischen Diktatur Hitlers ermordet wurden und dann auch noch in dem Haus mit der Nummer 18. Die 18 steht in der rechten Szene für den ersten und achten Buchstaben im Alphabet – also für A und H, für Adolf Hitler.

Wer „Thor Steinar“ und seine Hintergründe nicht kennt, mag den Laden für ein norwegisches Outdoor-Geschäft halten. Das Königreich Norwegen hat gegen die Firma bereits Klage eingereicht - wegen Verwendung der norwegischen Flagge.

Teil der Normalisierungsstrategie der rechten Szene ist es ansprechend auszusehen, anheimelnd-skandinavisch zu klingen und ganz nebenbei Nazi-Ideologie und Runen-Symbolik unter das Volk zu bringen. Der moderne Nazi soll unscheinbar und normal auftreten. Es soll rechtsextreme Ideologie zum Bestandteil des normalen Denkens und des gesellschaftlichen Mainstreams in einer Gesellschaft machen.

Das ist mehr als nur bedenklich, wenn gleichzeitig die NPD Mitgliederzuwächse zu verzeichnen hat, und die Gewalttaten mit rechtsextremem Hintergrund drastisch zunehmen (sie verdoppelten sich in Berlin von 2005 auf 2006 – Berliner Polizeistatistik). Das Mittel, um auf besonders junge Menschen anzusprechen und für rechte Inhalte empfänglich zu machen, sind neue Musik- und Kleidungsstile. Genau in dieses Schema passt die Marke „Thor Steinar“; sie ist Teil der rechten Unterwanderung des gesellschaftlichen Alltags.

„Thor Steinar“ ist kein Berliner Phänomen. Auch in anderen Innenstädten (Leipzig, Dresden und Magdeburg) hat sich die Marke niedergelassen. In Magdeburg ist es erfolgreich gelungen, das Ladengeschäft aus dem Hundertwasserhaus zu klagen. Der Inhaber wurde wegen arglistiger Täuschung des Vermieters verklagt. Der Berliner Vermieter verhält sich derzeit etwas undurchsichtig und widersprüchlich. In der Presse kündigte er bereits an, dem Laden gekündigt zu haben, was auf eine breite öffentliche Unterstützung stieß. Zu hoffen bleibt, dass auch er ein ernsthaftes Interesse hat, den Nazi-Laden aus Berlin Mitte zu vertreiben und alle ihm offen stehenden juristischen Möglichkeiten vollständig nutzen wird.

Mit dem Geschäft „Tønsberg“ hat sich die Stimmung im Viertel gewandelt. Ein neues Klientel, die Naziszene, dringt in das Gebiet ein und verbreitet unmittelbar Angst in der Bevölkerung. Andere Gewerbetreibende, die sichtbar Protest zeigen, werden unter Druck gesetzt, so zum Beispiel durch tägliches Bespucken der Fensterscheiben oder durch Angst einflößende Gestalten, die sich für einige Minuten im Geschäft postieren, um den Mitarbeitern mit düsterem Blick in die Augen zu starren. Insbesondere MitbürgerInnen mit Migrationshintergrund haben seitdem Angst vor Rassismus und gewalttätigen Übergriffen. Dies darf sich eine tolerante Zivilgesellschaft nicht bieten lassen und die aktiven Menschen vor Ort zeigen täglich deutliche Courage, trotz der massiven Einschüchterungsversuche. Das ist ein gutes Zeichen.

Auch AnwohnerInnen und andere LadenbesitzerInnen der Rosa-Luxemburg-Straße haben jetzt eine Bürgerinitiative gegründet. Sie wollen über Rechtsextremismus und Ausgrenzungsformen informieren. Dafür sollen unter anderem Stolpersteine gelegt, mehrsprachiges Informationsmaterial verteilt und auf andere Art der Protest künstlerisch umgesetzt werden. Ende Mai wurde mit einem bunten Straßenfest eine Container-Ausstellung eröffnet, welche über die Hintergründe der Marke aufklärt und auf die historische Vergangenheit des Viertels aufmerksam macht. Wer selber Protestplakate entwerfen möchte, kann diese an die Bürgerinitiative schicken. Sie werden dann an den Containern veröffentlicht. Natürlich wird auch finanzielle Unterstützung gesucht, ich leite dies gern weiter.

Das vielseitige Engagement zeigt: Die Zivilgesellschaft gibt nicht auf und wird hartnäckig bleiben. Auch dieser Laden wird nicht dauerhaft existieren. Es gilt weiter vehement über die rechtsextremen Hintergründe des Geschäfts „Tønsberg“ und der Marke „Thor Steinar“ aufzuklären, damit keinE VermieterIn mehr auf diese "adretten jungen Männer" und keinE KundIn auf diese scheinbar harmlose Kleidung reinfällt. In Zukunft muss die Privatwirtschaft noch mehr in die Pflicht genommen werden, damit Nazis keine Geschäftsplattformen für die Verbreitung rechter Propaganda bekommen oder behalten.


Weitere Informationen unter:
http://www.stiftung-spi.de/ostkreuz.de
http://www.mbr-berlin.de/
http://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/
http://www.apabiz.de/
http://thorsteinarrausausmitte.blogspot.com/
http://mittegegenrechts.blogspot.com/